Wir greifen zum Walzengreif

Herr oder Frau G. Göltz hat vor Jahrzehnten in Stuttgart eine Walzeneinstelllehre entwickelt, die einfach „Walzengreif” genannt wird und uns das Leben erleichtert. Es handelt sich um eine technische Errungenschaft, die die herkömmlichen „Lollipops” bei weitem übertrifft. 

Der Greif ist ein Fabelwesen, eine legendäre Kreatur mit dem Körper, dem Schwanz und den Hinterbeinen eines Löwen, ausgestattet mit einem Adlerkopf und Krallen. Im Wappen der Druckerzunft hält ein Greif zwei Tintenkugeln.

Wir haben Messgeräte für die Schrifthöhe, für die Papierstärke, für Gummitücher – und natürlich für Gummiwalzen. Nicht überzeugt sind wir jedoch vom Lollipop, einem Walzenstellgerät, das bei unseren Kollegen in den Vereinigten Staaten sehr verbreitet ist. Der kleine Zylinder am Ende der Metallstange entspricht einer bestimmten Schrifthöhe, ist jedoch nicht verstellbar. Er kann nur mit einer eingefärbten Walze verwendet werden und hinterlässt einen Farbfleck, der keinen weiteren Bezugspunkt liefert – das Gerät arbeitet ohne Skala.

P98A Schrifthoehenmesser
Schrifthöhenmessgerät, a device to measure type height
2017 10 26 P98A Walzengreif Np 0030
Spezial-Dickenmessen, a gauge for rubber blankets
P98A Lollipop 01
Lollipop, the most common roller setting gauge in the United States
2017 10 26 P98A Walzengreif Np 0017
The Lollipop can only be used when the rollers are inked
2017 10 26 P98A Walzengreif Np 0021
As the Lollipop has no scale, the ink mark provides no further reference

Ein „Walzensteller Greif” hingegen arbeitet mit viel höherer Präzision. Über die Herkunft dieses Geräts ist leider nicht viel bekannt; es wurde von der Firma System Göltz entwickelt und offenbar als Deutsches Reichs-Gebrauchs-Muster (D.R.G.M.) registriert, jedoch konnten wir keinen Eintrag in der digitalisierten deutschen Patentdatenbank finden.

Eine der frühesten Erwähnungen eines „Walzenstellers” findet sich in einem Band des Polytechnischen Journals aus dem Jahr 1825.

P98A Walzengreif Panorama
The original packaging of the “Walzensteller Greif” features one of our favorite typefaces from the 1920s: Erbar Grotesk

Um die Höhe der Walzen zu messen, schiebt man einfach den Schlüssel an einem Ende des Geräts unter jede Walze. Am anderen Ende zeigt eine Nadel auf eine Skala, die die gewünschte Schriftgröße anzeigt (in unserem Fall die deutsche Normalschrifthöhe von 23,56 mm). Durch Drehen der Einstellschraube an den Walzenlagern reguliert man die Höhe, bis sie die rote Markierung auf der Skala erreicht.

P98A Walzengreif Panorama 02
Swabian engineering
2017 10 26 P98A Walzengreif Np 0023
Simply slide the Walzengreif under each roller and watch the scale
2017 10 26 P98A Walzengreif Np 0015
Turn the adjusting screws on each roller to regulate the height
P98A Walzengreif 01
The needle goes up: Looks like the roller is too low!
P98A Walzengreif 02
The red mark on the scale indicates German type height (23,56 mm).
P98A Walzengreif 03
To change the type height standard, simply adjust by turning the screw on the back.

Postskriptum
Der Name Walzengreif ist nicht zu verwechseln mit dem Typengreif, einem staubsaugerähnlichen Gerät, das von Apparatebau Wilhelm Bilek, einer Firma mit Sitz in Stuttgart, entwickelt wurde. Er hat ein abnehmbares Oberteil, mit dem man Lettern aus einem Fach eines Schriftkastens aufnehmen und in ein anderes Fach legen kann. Während Luft durch den Schlauch gesaugt wird, werden die Buchstaben durch einen Filter ganz oben gehalten (unsere Kollegen in Weimar haben diesem Gerät einen Blogeintrag gewidmet).

P98A Typengreif
Typengreif, just another example of German engineering from Stuttgart
Cornerstone Jpg 1781B9304784087Ec60B114Ab59A21Fb
Typengreif in action. White lab coats are becoming a trend again. (Image from our colleagues at typografie.info)

This article was first held as a lecture by Ferdinand Ulrich at Typostammtisch Berlin #70, 26 Oct. 2017. All photographs by Norman Posselt.