Wir greifen zum Walzengreif
Herr oder Frau G. Göltz hat vor Jahrzehnten in Stuttgart eine Walzeneinstelllehre entwickelt, die einfach „Walzengreif” genannt wird und uns das Leben erleichtert. Es handelt sich um eine technische Errungenschaft, die die herkömmlichen „Lollipops” bei weitem übertrifft.
Der Greif ist ein Fabelwesen, eine legendäre Kreatur mit dem Körper, dem Schwanz und den Hinterbeinen eines Löwen, ausgestattet mit einem Adlerkopf und Krallen. Im Wappen der Druckerzunft hält ein Greif zwei Tintenkugeln.
Wir haben Messgeräte für die Schrifthöhe, für die Papierstärke, für Gummitücher – und natürlich für Gummiwalzen. Nicht überzeugt sind wir jedoch vom Lollipop, einem Walzenstellgerät, das bei unseren Kollegen in den Vereinigten Staaten sehr verbreitet ist. Der kleine Zylinder am Ende der Metallstange entspricht einer bestimmten Schrifthöhe, ist jedoch nicht verstellbar. Er kann nur mit einer eingefärbten Walze verwendet werden und hinterlässt einen Farbfleck, der keinen weiteren Bezugspunkt liefert – das Gerät arbeitet ohne Skala.
Ein „Walzensteller Greif” hingegen arbeitet mit viel höherer Präzision. Über die Herkunft dieses Geräts ist leider nicht viel bekannt; es wurde von der Firma System Göltz entwickelt und offenbar als Deutsches Reichs-Gebrauchs-Muster (D.R.G.M.) registriert, jedoch konnten wir keinen Eintrag in der digitalisierten deutschen Patentdatenbank finden.
Eine der frühesten Erwähnungen eines „Walzenstellers” findet sich in einem Band des Polytechnischen Journals aus dem Jahr 1825.
Um die Höhe der Walzen zu messen, schiebt man einfach den Schlüssel an einem Ende des Geräts unter jede Walze. Am anderen Ende zeigt eine Nadel auf eine Skala, die die gewünschte Schriftgröße anzeigt (in unserem Fall die deutsche Normalschrifthöhe von 23,56 mm). Durch Drehen der Einstellschraube an den Walzenlagern reguliert man die Höhe, bis sie die rote Markierung auf der Skala erreicht.
Postskriptum
Der Name Walzengreif ist nicht zu verwechseln mit dem Typengreif, einem staubsaugerähnlichen Gerät, das von Apparatebau Wilhelm Bilek, einer Firma mit Sitz in Stuttgart, entwickelt wurde. Er hat ein abnehmbares Oberteil, mit dem man Lettern aus einem Fach eines Schriftkastens aufnehmen und in ein anderes Fach legen kann. Während Luft durch den Schlauch gesaugt wird, werden die Buchstaben durch einen Filter ganz oben gehalten (unsere Kollegen in Weimar haben diesem Gerät einen Blogeintrag gewidmet).
This article was first held as a lecture by Ferdinand Ulrich at Typostammtisch Berlin #70, 26 Oct. 2017. All photographs by Norman Posselt.